Minilöhne für Millionen
Von Eva Roth | In Deutschland erhalten viele Menschen extrem niedrige Einkommen, die in anderen europäischen Ländern nicht erlaubt wären. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Uni Duisburg-Essen, die dieser Zeitung vorliegt.
Demnach verdienen mehr als zwei Millionen Menschen weniger als sechs Euro pro Stunde - brutto. In Ostdeutschland sind solche Niedrigstlöhne besonders weit verbreitet: Fast 13 Prozent der Beschäftigten erhielten im Jahr 2008 weniger als sechs Euro. Im Westen waren es 5,4 Prozent.
“Das Lohnspektrum in Deutschland franst zunehmend nach unten aus”, betonen die IAQ-Forscher Claudia Weinkopf und Thorsten Kalina. Sie nennen in ihrer Studie folgendes Beispiel: Rund 830000 Menschen erhielten 2008 weniger als ein Drittel des mittleren Einkommens. In Westdeutschland entsprach dies einem Stundenlohn von weniger als 4,75 Euro pro Stunde, im Osten von weniger als 3,42 Euro. Die Zahl der Beschäftigten mit solchen Mini-Einkommen hat sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt.
Derart niedrige Einkünfte sind in anderen europäischen Ländern nicht erlaubt, sagte Weinkopf der Frankfurter Rundschau. Dort würden gesetzliche Mindestlöhne oder eine hohe Tarifbindung die Beschäftigten schützen. Für die Volkswirtin sind die neuen Daten ein weiterer Beleg, dass auch in Deutschland eine Lohnuntergrenze dringend nötig sei.
Die Forscher haben sich nicht nur angeschaut, wie weit die Einkünfte hierzulande nach unten gehen, sie haben vielmehr den gesamten Niedriglohnsektor in den Blick genommen. Demnach sind insgesamt 6,55 Millionen Menschen in Deutschland Geringverdiener. Im Westen bedeutet dies: Sie erhalten weniger als 9,50 Euro pro Stunde. Im Osten liegt die Schwelle bei 6,87 Euro. Knapp 21 Prozent aller Beschäftigten sind demnach Geringverdiener - ihr Anteil stagniert seit einigen Jahren auf diesem hohen Niveau.
Wer glaubt, dabei handle es sich meist um Unqualifizierte, irrt. Fast 80 Prozent der Niedriglöhner haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss.
Quelle: Frankfurter Rundschau

